Habe ich etwa ein High Need Baby?

Mein Kind lebt nach dem Motto: „Mehr ist mehr“ – außer wenn’s um’s Schlafen geht.

Ich bin ganz ehrlich. Die anfängliche Zeit mit meiner Tochter hat mich überfordert. So wirklich vorbereitet auf das, was da auf mich zugekommen war, war ich nicht. Natürlich hört und liest man immer von wenig Schlaf, anstrengenden Nächten und kräftezehrenden Schreiattacken. Doch ich hatte von Anfang an das Gefühl, dass es bei uns noch viel intensiver und anstrengender war als bei allen anderen frischgebackenen Eltern um uns herum.

Unsere Tochter schrie mehr als deren Babys und erreichte dabei eine Lautstärke, die ich einem so kleinen Wesen niemals zugetraut hätte. Oft trugen wir sie von morgens bis abends auf dem Arm, in der Babytrage oder im Tragetuch. Ablegen – Fehlanzeige! Doch still hinsetzen gefiel ihr auch nicht, man musste immer in Bewegung sein. Auch der Kinderwagen wurde nicht akzeptiert. Zahnarzt- oder Friseurbesuche waren undenkbar. Auch ein Rückbildungskurs gemeinsam mit anderen Mamis in Präsenz war für mich undenkbar, denn ich hätte meine Tochter, wie in den Online-Klassen oft zu sehen, nicht einfach neben mich hinlegen und in Ruhe Sport machen können. Von Autofahrten wollen wir hier gar nicht erst anfangen. Wir waren einfach nur noch gestresst, vermieden es nahezu komplett mit ihr in die Öffentlichkeit zu gehen. Zu groß war die Angst, dass sie mal wieder plötzlich anfangen könnte, wie am Spieß zu schreien, oder eher gesagt zu kreischen. Lediglich zu Spaziergängen im Wald konnten wir uns aufraffen.

Unsere Hebamme sagte uns nach der Geburt, dass wir uns nicht nach unserem Kind richten und wir nicht unseren Alltag nach ihm ausrichten sollen, sondern dass sich das Kind nach uns richten solle. Nun gut, das klingt ja alles wunderbar, aber es war, wie so vieles eben, einfacher gesagt als getan – zumindest in unserem Fall. Die meiste Zeit habe ich Zuhause verbracht. Ich war nur noch müde und ausgelaugt – und zwar körperlich. Von diesem ständigen Tragen, Wiegen und Auf- und Ablaufen. Und hinzu kam noch dieser seelische Stress. Dieses ständige Schreien war wirklich belastend. Gefühlt konnte man es ihr einfach nicht recht machen. Hinzu kam die permanente Wachsamkeit, wenn wir mit ihr unterwegs waren. Wir studierten fortlaufend ihren Gesichtsausdruck, um schnell genug reagieren zu können, wenn ihre Laune mal wieder ins Negative umschwung. Und das ging von Jetzt auf Gleich. In dem einen Moment strahlte sie noch wie der pure Sonnenschein und im nächsten Moment war alles wieder vorbei – einfach so. Man muss es sich wie die heftigsten Stimmungsschwankungen vorstellen. Wenn ich versuchte ihr Verhalten gegenüber anderen zu erklären, vermied ich es immer den Ausdruck „anstrengend“ zu nutzen. Ich fühlte mich schlecht dabei, sie so zu beschreiben. „Fordernd“ war zu diesem Zeitpunkt der Begriff, den ich verwendete. Doch dieses kleine Wesen, so süß es auch sein konnte, war nicht nur fordernd, es war anstrengend, und nicht zu knapp.

Nach sage und schreibe 11 Wochen bin ich das erste Mal allein mit ihr in die Stadt gefahren. Nur mal eben kurz in den Drogeriemarkt, danach schnell wieder nach Hause. Als wir wieder Zuhause waren, war ich schweißgebadet und heilfroh, dass wir wieder daheim waren. So hatte ich mir mein Leben als Mama nun wirklich nicht vorgestellt, entspannte Spaziergänge mit dem Kinderwagen blieben pure Utopie. Wirklich Spaß machte dieses ganze Eltern-Sein zu dem Zeitpunkt noch nicht. Ständig wurden wir gefragt, wie es mit Baby so ist und nahezu jeder, der schon ein Kind hatte, sagte, wir sollen diese kostbare Zeit genießen. „Genießen? Was soll man daran genießen?“ – Das war jedes Mal unser Gedanke, so traurig es auch klingt. Doch unsere Tochter haben wir natürlich trotzdem geliebt, auch wenn wir bindungstechnisch unsere Startschwierigkeiten hatten, aber das ist eine andere Geschichte.

Aber war meine Tochter wirklich so anders, oder lag es an mir? Wochenlang plagte mich der Gedanke, ob ich denn einfach empfindlicher und weniger stressresistent sei, als andere Mamis. „Andere schaffen das doch auch mit links!“, flüsterte immer wieder eine leise Stimme in meinem Kopf. Und dann stoß ich auf den Begriff „High Need Baby“ und plötzlich machte so vieles einen Sinn.

High Need Baby – Was ist das überhaupt?

Schon einmal von dem US-amerikanischen Arzt der Kinderheilkunde Dr. William Sears gehört? Er war es, der den Begriff „High Need Baby“ so bekannt machte. Dabei ging er von seinen Erfahrungen mit eines seiner eigenen Kinder aus und entwickelte 12 Kriterien bzw. Persönlichkeitsmerkmale, mit denen man High Need Babys beschreiben kann.


1. „Intense“ – INTENSIVE Äußerung der Bedürfnisse

High Need Babys schreien besonders laut, durchdringend und vor allem schnell. Wenn ihre Bedürfnisse nicht ausreichend befriedigt werden, tun sie dies lautstark kund und eskalieren dabei nicht selten. Sie reagieren heftiger, denn sie stecken in alles, was sie tun, mehr Energie. Dabei überstrecken sie den Rücken, spannen die Muskeln an und ballen die kleinen Händchen zu Fäusten.

2. „Hyperactive“ – HYPERAKTIV im Sinne von „besonders aktiv“

High Need Babys sind die meiste Zeit über angespannt und haben einen hohen Muskeltonus. Sie scheinen permanent aktiv zu sein oder dies zumindest zu wollen. Die Bezeichnung „hyper“ ist dabei relativ im Vergleich zu anderen Kindern zu sehen und meint keine negative Beurteilung.

3. „Draining“ – ENTZIEHEN den Eltern sämtliche Energie

Eltern von High Need Babys fühlen sich oft ausgelaugt. Ihre Energie scheint geradewegs in ihre Kinder überzugehen. Das liegt unter anderem daran, dass High Need Babys oftmals stundenlang getragen werden wollen, was natürlich körperlich anstrengend ist und jegliche Energie raubt.

4. „Feeds Frequently“ – Muss/ will HÄUFIG GEFÜTTERT werden

Stillen bedeutet für jedes Baby auch immer Beruhigung und Trost. High Need Babys haben ein erhöhtes Stillbedürfnis. Zudem sind sie bekanntermaßen langsamer in der Entwöhnung von der mütterlichen Brust.

5. „Demanding“ – Ist gegenüber den Eltern besonders FORDERND

Sears sagte: „Babys mit hohem Bedarf verlangen nicht nur nach Füttern und Halten, sie fordern es – und zwar lautstark„. Die Art, wie sie fordern, vermittelt eine Art der Dringlichkeit. Dabei bekommt man das Gefühl, dass man die Bedürfnisse von High Need Babys gar nicht schnell genug befriedigen kann. Und wehe die Mutter oder der Vater interpretiert das vermeintliche Bedürfnis falsch, dann ist aber Holland in Not.

6. „Awakens frequetly“ – WACHT HÄUFIG AUF

Im Gegensatz zu ihren Eltern brauchen High Need Babys wenig Schlaf. Dabei sollte man meinen, dass besonders aktive Kinder auch viel Schlaf benötigen.

7. „Unsatisfied“ – UNZUFRIEDEN

Es ist völlig normal, dass High Need Babys häufig unzufrieden wirken. Das ist jedoch nicht einer Unfähigkeit der Eltern geschuldet, sondern Teil ihrer Persönlichkeit.

8. „Unpredictable“ – UNBERECHENBAR & UNVORHERSEHBAR

Was das High Need Baby an dem einen Tag noch wunderbar beruhigt hat, kann am nächsten Tag schon nicht mehr funktionieren. High Need Babys brauchen viel Abwechslung was die Beruhigungspraktiken betrifft. Außerdem haben sie enorme Stimmungsschwankungen und kennen meist nur „alles oder nichts“. Entweder sie sind super gut drauf oder super schlecht, dazwischen gibt es meist nichts. Das macht jeden noch so kurzen Ausflug zur Herausforderung.

9. „Super-Sensitive“ – EXTREM SENSIBEL

High Need Babys nehmen die Geschehnisse in ihrer Umgebung sehr genau wahr. Sie sind dabei leicht zu stören und schnell gereizt. Sie sind schreckhaft und bevorzugen ihre gewohnte Umgebung. Nachts kommen sie schwer zur Ruhe und wenn sie einmal eingeschlafen sind, wachen sie beim leisesten Geräusch wieder auf.

10. „Can’t put baby down“ – LÄSST SICH NICHT ABLEGEN

High Need Babys brauchen viel Körperkontakt und Bewegung. Sie werden gerne viele Stunden am Tag getragen – und das unabhängig von jeglichen Entwicklungssprüngen und -schüben. Auf dem Arm halten und dabei still sitzen reicht aber nicht aus. Am besten läuft man mit ihren rum oder setzt sich auf etwas, was schaukelt oder wippt.

11. „Not a self-soother“ – KANN SICH NICHT SELBST BERUHIGEN

High Need Babys können sich oftmals nicht ohne die Hilfe und das Beisein ihrer Eltern entspannen, geschweige denn beruhigen. Sie brauchen außerdem Hilfe beim Einschlafen. Spieluhr und Schnuller, welche vielen anderen Babys helfen, schaffen oftmals keine Beruhigung.

12. „Separation sensitive“ – TRENNUNGSSENSIBEL

High Need Babys kennen enorme Trennungsangst. Sie sind wählerisch, wenn es darum geht, wer sich um es kümmert. Babysitter werden anfangs meist nicht akzeptiert, nur Mama und Papa dürfen sich kümmern.


Ist unsere Tochter ein High Need Baby oder einfach kein Anfängerbaby?

Fast alle dieser Merkmale, die ein High Need Baby auszeichnen, trafen auf unsere Tochter zu. Und ich schreibe hier mit voller Absicht in der Vergangenheit, denn von diesem vermeintlichen High Need Baby, das fortan alle in ihr erkannten, sehe ich heute fast nichts mehr. Zumindest aber empfinde ich sie als deutlich umgänglicher.

Deshalb frage ich mich mittlerweile: Bleibt ein High Need Baby denn zwangsläufig immer ein High Need Baby oder kann es auch sein, dass das mit der Zeit vergeht? Oder kommt es mir einfach nur so vor, dass sie nicht mehr so überaus fordernd und anstrengend ist, weil ich mittlerweile entspannter und erfahrener im Umgang mit meiner Tochter bin? Oder aber, habe ich es in meinem Umkreis schlichtweg mit Eltern zu tun, die sogenannte „Anfängerbabys“ haben, in deren direktem Vergleich unsere Tochter einfach nur besonders anstrengend und fordernd schien? Wahrscheinlich ein wenig von allem. Zwar erreicht unsere Tochter auch nach wie vor noch enorme Frequenzen, wenn sie schreit, und sie beschwert sich auch immer noch, wenn ihr langweilig wird, aber ist das nicht irgendwie normal? Dennoch, als ich in der Zeit der zunehmenden Verzweiflung auf den Begriff „High Need Baby“ gestoßen bin, hat mir das wahnsinnig geholfen. Endlich hatte ich nicht mehr das Gefühl etwas falsch zu machen oder weniger gut zu können als andere. Ich akzeptierte, dass meine Tochter einfach mehr Aufmerksamkeit einforderte als andere Babys – und das ist ja auch irgendwie schön.

Ob unsere Tochter nun ein High Need Baby ist oder nicht, das Wichtigste ist, dass wir jetzt alle viel besser miteinander klarkommen und wir mittlerweile das Gefühl haben, dass wir die Bedürfnisse unserer Tochter verstehen und uns nicht mehr so leicht aus der Ruhe bringen lassen.

Wie sieht das bei euch aus? Könnt ihr euch und euer Kind darin wiedererkennen oder lief/läuft es bei euch ganz anders?

QUELLE: Ask Dr. Sears: 12 Signs Your Baby is High Need by Dr. William Sears

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